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Startseite » EDRi-gram Nr. 8.12, 16. Juni 2010

Urheberrecht im digitalen Zeitalter

Verfasst von sac am 19. Juni 2010 - 11:04
  • Copyright / Urheberrecht
  • Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte
  • Verwertungsgesellschaften


Dieser Artikel ist auch verfügbar auf:
Englisch: Possible solutions for remunerating content creators in the digital era

Am 8. Juni 2010 haben Abgeordnete der grünen Fraktion im EU-Parlament eine Konferenz über die Finanzierung kulturellen Schaffens im digitalen Zeitalter (Financing Culture in the Digital Era) veranstaltet und sind der Frage nachgegangen, wie ein Ausgleich zwischen einem leichten Zugang zu Kulturgut und garantierten Entgelten für die Kulturschaffenden erreicht werden kann.

Im Rahmen des Meetings sollten "Lösungen zu beiderseitigem Wohl" gesucht und gefunden werden, um gleichzeitig den Zugang zu Kultur sowie einen angemessenen Lebensunterhalt für Kulturschaffende im Internet zu gewährleisten. Ein Ansatz, der mehr Zuspruch zu erhalten scheint als der Weg, Urheberrechtsverletzungen zu verfolgen, ist die Idee einer Flatrate oder eines monatlichen Beitrags, der verpflichtend von Internet-Usern für File-Sharing und Weiterverwendung eingehoben wird.

Der Soziologe Volker Grasmuck ist überzeugt, dass eine "Kultur-Flatrate" – also eine "kollektiv geregelte rechtliche Genehmigung" für die private und nicht-gewerbliche Nutzung von Veröffentlichungen – notwendig ist, um dem "Copyright-Extremismus" ein Ende zu setzen. Er führte zwei britische Studien an, die aufzeigen, dass eine große Mehrheit der File-Sharer durchaus gewillt wäre, für die Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken zu bezahlen.

Philippe Aigrain, Mitbegründer von La Quadrature du net und Geschäftsführer der Society for Public Information Spaces, einem Unternehmen, das freie Software entwickelt, unterstützt die Idee einer Flatrate. Er meint, die Grundvoraussetzung für jegliche Diskussion über Vergütungen für das Hören von Musik oder Sehen von Filmen im Internet sollte sein, dass File-Sharing als Grundrecht betrachtet wird. Er empfiehlt ein neues System, bei dem ein Internet-Abonnent eine monatliche Gebühr von fünf bis sieben Euro bezahlen würde und damit einen Fonds für die Bezahlung jener Künstler speist, deren Arbeiten im Internet zur Verfügung stehen.

Peter Sunde von the Pirate Bay und Gründer von Flattr, einem Mikro-Bezahlsystem hat eine Art freiwilligen Finanzierungsmechanismus vorgestellt, bei dem Internet-Nutzer monatlich zwischen zwei und hundert Euro einzahlen und dabei auswählen können, wem ihr Beitrag oder "Flattr" zugute kommen soll. Sunde glaubt, dass dieses System dem Bedürfnis der Mehrheit entgegenkommt, die "daran interessiert ist, so behandelt zu werden, wie sie selbst behandelt werden will". "Geber" und "Nehmer" sind beide eingetragene "Nutzer". Er meint, die Kommentare in einem Blog könnten mitunter als wertvoller angesehen werden als der Haupttext des Blogs selbst. Deshalb ist die Absicht "etwas zu schaffen, etwas, was wir wegen der niedrigen Schwelle für die Erschaffung neu definieren müssen".

Maja Bogataj Janic, Juristin beim slowenischen Institut für geistiges Eigentum, sprach über den "Kriegszustand zwischen Urheberrecht und Technologie" und vertrat die Auffassung, dass eine breite Palette von Anreizen für kreatives Schaffen besteht, einschließlich Förderungen und staatlicher Beihilfen. Janic beschrieb die Gründe für den Erfolg der Creative Commons (dem heute 350 Millionen Beiträge unterliegen) und erklärte, wie die Lizensierung in der Praxis funktioniert. "Creative Commons Lizenzen bauen auf dem Urheberrechtsgesetz auf", so Janic. "Sie existieren ohne Urheberrecht nicht."

Ofelia Tejerina vom der spanischen Gruppe Asociación de Internautas, die sich für den Zugang zu Allgemeingut einsetzt, forderte eine politische Lösung für die grenzüberschreitende Übertragung von Materialien, die sich "im Allgemeingut" befinden

Cay Wesnigk, Mitglied der VG Bild-Kunst, sieht den Schlüssel für eine praktikable Lösung in der Transparenz, denn es herrscht ein Mangel an Vertrauen in die Verteilsysteme, der für Urheberrechtsverletzungen verantwortlich ist. Junge Leute, so glaubt er, sind sich "ihrer moralischen Verpflichtung bewusst und sind sich darüber klar, dass sie an illegalen Aktivitäten beteiligt sind, kümmern sich aber nicht darum". Mit anderen Worten, hier hat eine Erosion des Vertrauens in das Rechtssystem stattgefunden. Wesnigk schlägt deshalb einen "neuen Gesellschaftsvertrag" zwischen Künstlern und Publikum vor.

Aber Cécile Despringre, Direktorin von SAA (Society of Audiovisual Authors) und Vertreterin der Filmindustrie, verteidigte die Rolle der Gesellschaften zur Einhebung von Gebühren. Das "kollektive Management" des Urheberrechts ist "noch immer das beste System für die Entlohnung kreativen Schaffens", hielt sie fest und fügte hinzu, "Wir brauchen Verbesserungen. Es ist wichtig, dass wir eine direkte Darstellung davon haben, was getan werden kann. Auf Filmschaffende sollte zwar nicht genau das selbe System angewandt werden wie auf die Musikindustrie, aber die Rechteinhaber werden auf keinen Fall auf ihre Rechte verzichten."

Europaabgeordnete Karima Delli stellte fest, dass weltweit 1,6 Milliarden Menschen die Möglichkeit haben, Werke zu kopieren. "Das ist genau die Basis für kulturellen Austausch. Das Internet sollte das Mittel zur Demokratisierung der Kultur sein," sagte sie. "Es gibt keine Patentlösung. Wir müssen neue ökonomische Modelle ausprobieren, um im Kampf gegen die Machtkonzentration in vielen kommerziellen Film- und Print-Bereichen zu bestehen."

Die teilnehmenden Experten waren sich offenbar darüber einig, dass Konsumenten das Gefühl haben, dass Autoren entlohnt werden sollten, und dass sie ihr Geld nicht den multinationalen Konzernen geben wollen. Es ist eine gesellschaftliche Debatte von Nöten, die die Konsumenten und nicht nur die Vertreter der Industrie und Rechteinhaber einbezieht. Sich allein auf das Spiel der Kräfte des Marktes zu verlassen, wäre ein Fehler. Die Herausgeber stecken bereits jetzt zu viel Energie in den Kulturbereich.

Video recording of the conference

New Business Models Proposed In Debate On EU Culture And Copyright (9.6.2010)

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