Big Brother Awards Frankreich 2009
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Die Verleihung der Französischen Big Brother Awards, die “Orwell Party”, fand dieses Jahr am 4. April statt. 2009 wurden 12 der 35 Nominierten in sechs Kategorien ausgezeichnet, wobei eine den positven “Voltaire Preis” stellte. Armand Mattelart, ein renommierter Professor für Informations- und Kommunikationsstudien, stand dieses Jahr der Jury vor, die aus 10 weiteren Mitgliedern bestand, unter ihnen Akademiker, Künstler und Vertretern der französischen NGOs, einschließlich dem EDRi-Mitglied IRIS.
Die Tatsache, dass beinahe ein Drittel der Nominierten ausgezeichnet wurde, ist ein Zeichen dafür, dass die Jury dieses Jahr vor einer schweren Wahl stand, da Überwachung und soziale Kontrolle in Frankreich rapide angestiegen sind.
Die französische Innenministerin Michèle Alliot-Marie erhielt den Preis für lebenslanges Ärgernis für ihren “maßlosen Appetit für Polizeiakten”, die in drei Jahren um 70% angestiegen sind, sowie für ihre anderen “Qualitäten”: ihre “novelang” (Videoüberwachung wird nun von französischen Beamten “Videoschutz” genannt), ihre “Anregung zur Denunzierung” und ihr Talent zur Heraufbeschwörung des “internen Feindes”.
Der französische Budgetminister Eric Woerth erhielt den Staatspreis. Die Jury wollte besonders auf die zentralisierte Datenbank RNCPS aufmerksam machen, in der Daten aus dem Sozialsektor massiv miteinander verlinkt werden, um Fälschungen zu verhindern, wobei die Sozialversicherungsnummer als Identifizierungsmerkmal verwendet wird. Das erninnert frappant an den SAFARI-Skandal, der 1978 zur Annahme des Französischen Datenschutzgesetzes geführt hatte.
Der Preis für Unternehmen ging an das französische Versicherungssystem, eine non-Profit Organisation, für “den gemeinsamen Aktivismus mit privaten Versicherungsgesellschaften, um auf medizinische Daten der Sozialversicherungsverwaltung zugreifen zu können.”
Der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë verdiente sich den Preis für Lokalbehörden für “seinen Übertritt zur Videoüberwachung”, nachdem er zugestimmt hatte, die Regierungen bei ihren dahingehenden Bemühungen zu unterstützen und die Anzahl von Kameras in Paris um das Vierfache erhöhte, womit es mittlerweile 1200 Kameras in öffentlichen Orten gibt.
Der Novlang-Preis ging an zwei ex aequo Preisträger. Der erste ist Humabio, ein von der EC gefödertes Forschungsprojekt für mulitmodale Biometrie, die sich berüchtigerweise auf Verhaltensbiometrie stützen, um “die Bewegungsfreiheit zu verbessern”. Der zweite ist der Sektor für Familienzuschüsse des Sozialversicherungssystems, da man die Angestellten mit einer Methode namens IGCACE ausgebildet hatte, das sogar noch weiter geht als einfache Lügendektoren, da man damit angeblich sogar das “Vorhaben zu lügen” ermitteln kann. Die Methode wurde ursprünglich für den Polizeisektor entwickelt.
Die Jury vergab nicht nur einen Sonderpreis als “besondere Auszeichnung”, sondern “ehrte” auch zwei ex aequo-Gewinner.
Frédéric Lefebvre, ein französisches MEP und Nicolas Sarkozys Parteisprecher, verdiente sich seinen Preis redlich für seine “Inkompetenz und sein Beharren das Internet zu kontrollieren”, wobei er auch das französische 3 Treffer-Gesetz unterstützt. Der andere Preisträger ist der “anonyme Fanatiker”: im Hinblick auf die Anzahl von einzelnen Staatsbeamten, die irreguläre Einwanderer denunzieren und dabei manchmal gegen das Berufsgeheimnis verstoßen, entschied man, dieses Phänomen mit einer eigenen Kategorie zu würdigen.
Schlussendlich wurde auch der Voltaire-Preis vergeben, und zwar an drei ex aequo-Gewinner, tatsächlich drei Koalitionen, die außergewöhnlich aktiv und erfolgreich waren: die Koalition gegen die EDVIGE-Polizeiakte, die Koalition von Grundschuldirektoren gegen die zentralisierte Kinderdatenbank (Base élèves) und die Koalition gegen den Einsatz von biometrischen Daten in Schulen. Zusätzlich wurde auch noch ein weiterer Voltaire-Preis als besondere Auszeichnung an Mireille und Monique verliehen, zwei Freiwillige, die irregulären Einwanderern helfen, die sich in Calais aufhalten und nach Großbritannien wollen. Diese einfache Art der humanitären Hilfe stellt in Frankreich ein äußerst riskantes Unterfangen dar, da solche Hilfe hier mittlerweile kriminalisiert wird.
2009 Big Brother Awards France (Französisch, 05.04.2009)
(Beitrag von Meryem Merzouki - EDRi-Mitglied IRIS Frankreich)


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