%0 Journal Article %J Poiesis & Praxis - International Journal of Ethics of %D 2006 %T Technology Paternalism - Wider Implications of Ubiquitous Computing %A Sarah Spiekermann %A Frank Pallas %N 1 %P 6-18 %U http://www.taucis.hu-berlin.de/_download/technology_paternalism.pdf %V 4 %X Technologiepaternalismus

Durch die Einbettung von RFID-Systemen und Sensoren in Alltagsgegenstände erhalten diese die Fähigkeit ihre Umwelt wahrzunehmen und auf selbige zu reagieren.
Neben Datenschutzverletzungen stellt der (physische) Kontrollverlust von Personen und die Frage, wie diese in einem völlig automatisierten Umfeld mit allgegenwärtigen Rechnersystemen die Kontrolle behalten sollen, einen der Hauptkritikpunkte an dieser Technologie dar. Der damit verbundene Blick auf die soziale Perspektive hat den Begriff Technologiepaternalismus hervorgebracht.

Paternalismus an sich umschreibt die Kontrolle eines Systems, einer Institution etc. über seine ?Untergebenen? mit dem Vorhaben in ihrem Interesse zu handeln. Diese Institutionen können in Form von Eltern, Ärzten, Regierungsvertretern etc. oder auch als technische Neuerung auftreten. Allerdings empfinden viele Menschen diese Art der Bevormundung als unterdrückend, da ihnen die Entscheidungsfreiheit und Verantwortung entzogen wird. Hier geht es oftmals auch um ?empfundenen? Paternalismus; so kann etwas von der betroffenen Person als paternalistisch angesehen werden, selbst wenn die Aktion nicht als solche gedacht war.
Technologiepaternalismus wird im Grunde definiert durch die Angst davor Handlungen technisch ausgestatteter Objekte nicht kontrollieren oder überstimmen zu können. Sobald diese Handlungen über ?Richtig? oder ?Falsch? entscheiden und die Aktion des Nutzers einschränken oder bestrafen, wirken sie bevormundend. Ein Beispiel hierfür wären Systeme in Fahrzeugen, die eine Fahrt ohne Anlegen des Sicherheitsgurtes verweigern.

Da die Maschinen autonom und automatisch reagieren und auf Extremsituationen und Ausnahmen keine Rücksicht nehmen, leistet die betroffene Person hier nicht Gehorsamkeit, wie es bei einer Eltern-Kind-Beziehung der Fall wäre, sondern muss sich der Entscheidung des Objekts unterwerfen, da sie - je nach Einstellung - nicht die Möglichkeit hat diese zu ignorieren oder zu umgehen ohne auf Teile der Funktionalität zu verzichten. Dies ermöglicht eine absolute Machtstellung der intelligenten Gegenstände.
Man sollte allerdings nicht vergessen, dass die Technik selbst auch nur das ist wozu man sie macht. Wer also steht tatsächlich hinter diesen Einstellungen und entscheidet über ?Richtig? und ?Falsch?? Zum einen wären da die Ingenieure als Väter der Technologie. Allerdings stellte eine Untersuchung fest, dass Ingenieure kaum an den Konsequenzen ihrer Arbeit interessiert sind, daher beispielsweise Datenschutz und Privatsphäre nicht als ihr persönliches Problem, nicht als Problem zum jetzigen Zeitpunkt oder nicht als Teil ihres Auftrages ansehen.
Andererseits handeln auch Ingenieure bloß nach den Wünschen ihrer Arbeitgeber. Ein Grund für Unternehmen könnte also sein, dass Produkte von Kunden gezwungenermaßen nur in Verbindung zu erwerben sind. So würde eine spezielle Bohrmaschine daher nur in Betrieb genommen werden können, wenn der Handwerker die dazugehörigen Schutzbrillen aufsetzt. Der offizielle Beweggrund der Industrie wäre selbstverständlich das Wohl des Kunden. Doch sollten Personen nicht selbst entscheiden dürfen, was in ihrem Interesse ist? Schließlich sind es auch sie, die damit jegliche Konsequenzen übernehmen.

Eine Laiendiskussion an der Humboldt Universität Berlin ergab, dass Menschen darauf bestehen das ?letzte Wort? zu haben. Sie verlangen nach der Möglichkeit die Entscheidung des Objekts zu überstimmen und zu verwerfen. Dies dürfte sich jedoch schwierig gestalten, da es zu den Haupteigenschaften des Ubiquitous Computing gehört Entscheidungen im Hintergrund und unbemerkt zu treffen und somit die Aufmerksamkeit des Nutzers nicht einzufordern.
Eine mögliche Kompromisslösung wäre daher den Menschen Wahlmöglichkeiten zu unterbreiten, wie denn weiterhin verfahren werden soll, und diese sich entweder der Entscheidung des Gegenstands anschließen oder einen anderen Weg einschlagen.
Eine weitere Erkenntnis zeigt auf, dass Menschen seitens der Technik nicht durch ein Signal oder Ähnliches auf ihre Fehler aufmerksam gemacht und (vor anderen) ?blamiert? werden wollen, wenn sie sich bewusst dafür entscheiden diese ?Fehler? zu begehen.
Auch das Verlangen des Nutzers nach mehr Transparenz hinsichtlich der Fragen, wer steht hinter dieser Technologie und welche Motivation hat diese Person, geht aus der Diskussion klar hervor.

(Zusammenfassung von unwatched.org) %8 03/2006