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Startseite » EDRi-gram Nr. 9.7, 6. April 2011

Big Brother Awards Deutschland 2011

Verfasst von sac am 10. April 2011 - 14:58
  • Big Brother Awards
  • Deutschland
  • Datenschutz
  • Überwachung


Dieser Artikel ist auch verfügbar auf:
Englisch: Big Brother Awards Germany 2011

Am Freitag, dem 1. April 2011 fand in Bielefeld die elfte Verleihung der Big Brother Awards Deutschland statt. Im Rahmen der von EDRi-Mitglied FoeBuD organisierten Veranstaltung wurden in unterschiedlichen Kategorien acht Negativpreise verliehen.

In der Kategorie „Kommunikation“ erhielt Facebook einen der Awards für „die gezielte Ausforschung von Menschen und ihrer persönlichen Beziehungen hinter der netten Fassade eines vorgeblichen Gratisangebots“. In der Laudatio wurde Facebook als „Gated Community“ im Internet beschrieben und in zahlreichen Aspekten mit jenen umzäunten Wohnanlagen verglichen, die man an immer mehr Orten auf der Welt findet.

Ein weiterer Award in der Kategorie „Kommunikation“ ging an Apple. Das Unternehmen erpresse seine Kunden, den firmeneigenen zweifelhaften Datenschutzbedingungen im Rahmen der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, deren Darstellung auf einem iPhone 117 Seiten umfasst, zuzustimmen. Eine Zustimmung zu Datenschutzbedingungen sollte gemäß des deutschen Datenschutzgesetzes zwar freiwillig gegeben werden, doch ohne eine Einwilligung werden die Funktionen des iPhones allein auf die Telefonie beschränkt. Mit einer entsprechenden Zustimmung jedoch erhalten Apple und Konsorten erhebliche Mengen an Daten, inklusive der Standortdaten des Geräts.

Eine der Auszeichnungen in der Kategorie „Arbeitswelt“ erhielt der deutsche Fahrzeughersteller Daimler stellvertretend für zahlreiche Arbeitgeber, die von ihren Mitarbeitern Bluttests verlangen. Diese Vorgehensweise beruht in den meisten Fällen allerdings auf keiner arbeitsrechtlichen Grundlage und stellt der Laudatio zufolge eine Form von modernem Vampirismus dar.

Den zweiten Award der Kategorie „Arbeitswelt“ erhielt die Deutsche Zollbehörde. Sie wirbt für ein Zertifikat, das Unternehmen mit internationalen Geschäftsbeziehungen erhalten sollen. Das Zertifikat mit der Bezeichnung „Sicherer Export-Diensteanbieter“ (SED) setzt jedoch voraus, dass die Daten jedes einzelnen Mitarbeiters des Unternehmens mit Anti-Terrorlisten der EU oder der USA abgeglichen werden. Eine derartige Nutzung personenbezogener Daten sei rechtlich nicht begründet, so dass der Deutsche Zoll Unternehmen dazu animiere, die Daten ihrer Angestellten auf eine rechtswidrige Art und Weise zu nutzen.

Das Modelabel Peuterey wurde in der Kategorie „Technik“ für den Einstz von RFID-Tags ausgezeichnet. Dabei dienten die RFID-Chips nicht etwa als Diebstahlsicherung, sondern wurden in die Kleidungsstücke eingenäht und mit dem Vermerk „Don’t remove this label“ versehen.

Der Award in der Kategorie „Verbraucherschutz“ ging an den Verlag für Wissen und Information, der nicht etwa mit Büchern handelt, sondern Büchergutscheine an Schulen verteilen lässt. Die Gutscheine können allerdings nur dann eingelöst werden, wenn Name und Anschrift des Kindes und mindestens eines Elternteils bekannt gegeben werden. Die Nachforschungen eines Bloggers ergaben, dass das Geschäftsmodell des „Verlags“ hauptsächlich auf Geschäftsbeziehungen mit Finanzdienstleistern und einem Vitaminpillenhersteller beruht. All jene, die einen der Büchergutscheine eingelöst hatten, erhielten kurz darauf einen Anruf für ein Telefoninterview zum Thema „Lernen – Gesundheit – Zukunft“.

Einer der Preisträger holte seinen Award heuer tatsächlich persönlich ab, was in elf Jahren bisher erst zwei Mal vorgekommen ist: Prof. Dr. Gert Wagner, der Vorsitzende der „Zensuskommission“, welche dieses Jahr die Volkszählung in Deutschland durchführt, verteidigte das Projekt gegen die Anschuldigung, es diene lediglich dazu, exzessive und gefährliche Mengen an Daten zu sammeln, ohne dass die Betroffenen ausreichend darüber informiert werden oder dem widersprechen könnten. Zwar wurde Wagners Kommen anerkannt, doch als er verkündete, dass seine Kritiker wohl in „einem Paralleluniversum leben“, und betonte, dass der Zensus gesetzgeberisch vorgeschrieben sei, machte er sich keine Freunde im Publikum.

In der Kategorie „Politik“ wurde schließlich der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann für den ersten bekannten Einsatz einer Polizeidrohne bei politischen Versammlungen ausgezeichnet. Die Drohnen wurden während einer Demonstration gegen den Castor-Transport im Wendland genutzt, um die Teilnehmer der Demonstration heimlich zu überwachen.

Den Publikumspreis für den Preisträger, der am meisten „beeindruckt, erstaunt, erschüttert, oder empört“ hat, erhielt Facebook, mit etwas über einem Drittel aller abgegebenen Stimmen.

Bis zum Ende dieses Jahres können nun Nominierungen für die nächsten Big Brother Awards angegeben werden.

(Ein Beitrag von Sebastian Lisken – EDRi-Mitglied FoeBuD)

Big Brother Awards Deutschland 2011 (1.04.2011)

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